Wo bleibt der Aufschrei der Frauen?

Ein zentrales Thema unserer Zeit – notwendigerweise und längst überfällig, und das nicht erst seit „Me-Too“, sondern seit 40 Jahren – ist die möglichste Gleichstellung der Frau: Gefordert werden gleiche Löhne, 50% aller Sitze in Parlamenten für Frauen, eine 30%ige Frauenquote in Aufsichtsräten…und…und. Und das ist gut so!

Arbeitsverteilung im digitalen Haushalt

Aber????!!!! Wie steht es um das weibliche Geschlecht und die Digitalisierung? Erste Erfahrungen aus meinem Umfeld, aus Supervisionseinblicken in sehr viele Arbeitsbereichen und Organisationen zeigen mir, dass es zu einem erheblichen Teil die Männer sind, die der Motor des permanenten digitalen Updatens sind. Wer in den vielen Partnerschaften und Ehen sorgt sich um ein funktionierendes Wlan in den Wohnungen und konfiguriert dessen Schutz?
Wer verschwindet beim gemeinsamen Einkauf am liebsten in einem Elektronikfachmarkt und kommt zur Konsumbefriedigung mit dem neuen power-pack oder eines Gimmicks, das an einem Ende ein Kabel hat, heraus?
Wer meint, beim Joggen jeden Kilometer und jede Pulsschlagerhöhung digital aufzeichnen zu sollen?
Wer fühlt einen gewissen Stolz, dem Partner wieder einmal erklären zu können, warum irgendein dringendes Feature so nicht funktionieren kann, weil irgendwo auf dem smartphone sichtbar sein müsste, welches Update nicht vollzogen wurde?
Wer überhaupt brüstet sich gerne damit, dass er diese und jene Funktion noch kennt, während sich der andere mit den drei wesentlichen bescheidet?

Das ist „gefühlt“ zu 90% das männliche Geschlecht.

Und in Unternehmen und Organisationen? Klar gibt es Programmiererinnen, aber wie viele? Untersuchungen habe ich hierzu noch keine gesehen, aber weit über 10% dürften es nicht sein. Ich habe noch keine einzige Chef-Netzwerk-Administratorin erlebt. Auch hier wird die Quote der obersten Digitalwärter in Organisationen bei über 95% liegen.

Sicher, wir haben eine bundesweite Digitalstaatssekretärin mit Dorothee Bär, wirklich eine Frau, was oft bejubelt wird. Es ist nicht bekannt, ob sie neben der unbestrittenen Fähigkeit zu twittern, tiefere Programmier- und Netzwerk-Kenntnisse besitzt. Das ist auch in der Politikerrolle nicht unbedingt die zentrale Voraussetzung. Warum nur wird jemand, der die sozialen Medien sehr aktiv bedient, gleich zur Expertin? Auch in Bayern ist eine Digitalministerin weiblich.

Informatik-Studenten: Männerdomäne

Die Frauen-Quote in Informatik-Studiengängen liegt bei über 80% Männern, und das bei der so viel beschworenen „digital-native“-Generation der 20-jährigen. Trotz bester Berufsperspektiven ziehen auch sehr viele junge Frauen die weniger technisch anspruchsvollen Studiengänge vor. Die Digital-Enthusiasten folgen daraus, bei der Frauenbildung nachlegen zu müssen, um ihnen mittels frühzeitiger schulischer oder betrieblicher Bildung das Digitale intensiver nahe zu bringen.

Ich habe keine Zweifel, dass hier weibliches Potential noch geweckt werden kann, und natürlich sind viele Frauen sehr aufgeschlossen gegenüber spannenden Anwendungen. Sie bleiben aber gerne „User/Benutzer“, werden weniger gerne zu Entwicklern und Vorantreiberinnen. Insofern wird das Digitale noch auf Jahrzehnte eine männliche Domäne bleiben……

….UND DAS HAT ERHEBLICHE GESELLSCHAFTLICHE BEDEUTUNG.

Denkfähigkeit in 1 und 0 und die Gehirnhälften

Meine Prognose ist, daß sich hier eine auf lange Jahre verfestigende männliche Vorherrschaft manifestiert. Die Macht im digitalen Umbruchszeitalter wird deutlich auf die Männer konzentriert, wobei Politikerinnen in diesem Feld zwar wünschenswert, aber wohl eher als Feigenblatt dienen. Diese Männer werden noch dazu die „digital-affinen“, die Nerds sein, die Ingenieure, deren Kompetenzen das digitale Denken zur Voraussetzung haben. Die Digitalisierung treibt im Zeitalter von Industrie und Arbeit 4.0 umwälzende Veränderungen voran (manche Technik-Firmen lieben das Wort „disruptiv“). So kommen immer mehr Menschen mit dieser sehr spezialisierten Kompetenz in Organisationen wie im Privaten an die Schalthebel der Steuerung, der Gestaltung, des Einflusses – und nichts anderes ist Macht. Und zwar die, die einersseits das know-how besitzen und sich aneignen, darüberhinaus aber in einer Denkstruktur sich bewegen, die die Welt in Einsern und Nullen, in komplizierten und verschachtelten Programmier-Code übersetzen (können und wollen). Diese kognitiv-analytische Denkstruktur ist eine grundlegend andere „Denk- und Erlebensform“ als z.B. das tiefe Aufsaugen-Können von Naturphänomenen, als das Wahrnehmen und Ausdrücken von Gefühlen, als die Sensibilität für Intuitionen. Linke und rechte Hirnhälfte repräsentieren zwei unterschiedliche Modi unseres Gehirns. Die Rechte, manchmal auch ganzheitliche genannt, kann eher „zwischen den Zeilen lesen“, während die linke Gehirnhälfte logisch-kausal vorgeht, für mathematisch-technisch realisierbare Problemlösungen, das herauslösbare Detail zuständig ist.

Es soll nicht in Zweifel gezogen werden, dass auch Geschlechterkompetenzen diesbezüglich kulturgeprägt sind, aber mir, als Pädagoge, scheint es ein vollkommener Irrglaube, dass sich dies in wenigen Generationen grundlegend verändern lässt. Und meine Hypothese: Frauen… und auch immer noch bereits kleine Mädchen (und nicht nur, weil Mama es vorlebt), haben in der Tendenz (nicht absolut) in der rechten Hirnhälfte Ihren Schwerpunkt, Männer in der linken (Auch die heute 12-jährigen Jungs wählen in der Schule das Roboterprojekt, während die Mädchen alle Beziehungsdimensionen ausloten). Aus meiner Sicht ist eine Angleichung hier überhaupt nicht erstrebenswert. (Hierüber zu streiten ist lohnenswert, an dieser Stelle soll aber nur der Jetzt-Stand betrachtet werden und dessen Prognose für die nächsten 30 Jahre.

Dieser Gedankengang will nichts anderes verdeutlichen, als dass – auf eine kurze Formel gebracht – die Digitalisierung die gesellschaftliche Macht noch immens verstärkt auf hoch technisch affine… vor allem…Männer verteilen wird.

Wie ist zu erklären, dass sich hier noch kein Aufschrei einer Frauenbewegung hören lässt?

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. ich teile die Aussagen der letzten 3 Zeilen uneingeschränkt. Ich frau empfinde die digitale Welt oft anstrengend, zu-viel, bei Störungen viel zu technisch und lästig. Nach dem Motto: mein Auto soll mich bitte von A nach B bringen, aber außer Benzin bitte nicht viel von mir wollen.
    Ja, ich glaube unsere Welt ist an wichtigen Schaltstellungen zu „männlich“ – und fehlt die weiblich-strategische, kommunikativ-emotionale Gleichstellung und Einflussnahme wird es zu kalt, technisch und schnell – das empfinde ich als zutiefst bedrohlich.

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